Kurzgeschichte: Herr Schlappweißer, Fischverkäufer (2003)
erschienen in

Mutmaßungen über Doris
Romanfiguren aus "Das kunstseidene Mädchen" von Irmgard Keun melden sich zu Wort
ISBN 3-931918-10-6, 136 Seiten / EUR 12,-
2003 - ferber verlag, Köln
Leseprobe:
Ohne darüber nachzudenken, hatte Theo den Weg Richtung Kneipe eingeschlagen. Er öffnete die Tür. Eine Wolke von Zigarettenqualm strömte ihm entgegen und nahm ihm fast den Atem. Durch den Dunst in der Spelunke vernahm er eine vertraute Stimme: ”Sieht man den Theo auch mal wieder im ‘Alten Fritz’!” Das war Franz Neukemper, der auf der Bergstraße am Stand nebenan Südfrüchte verkaufte. Theo setzte sich zu ihm an den Tisch und bestellte ein Bier.
“Hat deene Mutter dir Ausgang jejeben oder biste ausjebüchst?”
“Du weest doch, wie krank se is!”
“Und imma besoffen, ik wees! Hör mir uff mit die Weiber! Meene Olle meckert ständig rum, det die Pinke vorn und hinten nich reichen tät. Soll se doch ma spar’n. Hat doch keene Ahnung, wie schlecht det Jeschäft looft!”
Kurzbeschreibung von "amazon.de":
Irmgard Keun erzählt in ihrem Roman Das kunstseidene Mädchen aus dem Leben einer jungen Frau Anfang der 30-er Jahre. Doris, das Mädchen aus der Provinz, 18 Jahre jung und Sekretärin bei einem zudringlichen Rechtsanwalt, will ihrem kleinbürgerlichen Milieu entkommen und beschließt in Berlin ein Glanz zu werden. In Mutmaßungen über Doris schlüpfen Autorinnen und Autoren der Gegenwart in die Rollen der Romanfiguren und erkunden die Welt des kunstseidenen Mädchens. Sie schildern aus ihrer Sicht die Ereignisse und lassen mit ihren Ansichten und Einsichten die Nebenfiguren des Romans noch lebendiger werden, als sie es schon sind. Eine literarische Herausforderung mit ungewöhnlichen Perspektiven. Wer Lust auf mehr hat, sollte auch das Original lesen: Das kunstseidene Mädchen von Irmgard Keun
Buchkritik:
Benebelt von Doris' Reizen
Eine Anthologie sieht das "kunstseidene Mädchen" mit den Augen der Nebenfiguren. Wie sieht das kunstseidene Mädchen Doris eigentlich vor dem geistigen Auge des blinden Herrn Brenner aus? Was hält ihre Mutter von den schauspielerischen Ambitionen ihrer Tochter? Und wie findet es "das Feh", dass es statt einer speckrolligen, schwitzenden Dame nun ein junges, schlankes, frisch duftendes Mädchen wärmen darf? Der Verleger Elmar Ferber hat die Initiative des "Kölner Stadt-Anzeiger" und des Literaturhauses für die Aktion "Ein Buch für die Stadt" wörtlich genommen: Er forderte Schriftsteller auf, in die Rollen der Nebenfiguren aus Keuns Roman zu schlüpfen und aus den Texten ein neues "Buch für die Stadt" zu kreieren, das sich thematisch in die Leseinitiative fügt. Innerhalb weniger Monate schrieben die 29 Autoren ihre Geschichten nieder und hauchten damit nicht nur den "kleinen" Charakteren des Buchs Leben ein, sondern "beglänzten" zusätzlich die Protagonistin und Ich-Erzählerin Doris. Welch lebendige Anthologie entstanden ist, erlebten die Zuhörer bei der voll besetzten Lesung im Buchhaus Gonski. Herausgeber Ferber sowie neun Autoren trugen ihre Texte auf sehr unterschiedliche Weise vor. Evert Everts etwa, der den zudringlichen Rechtsanwalt mimte, brachte als Requisite eine Gesetzessammlung mit - womit er veranschaulichen wollte, dass er es als belesener Jurist gar nicht nötig habe, sich von einer ungebildeten Göre wie Doris abweisen zu lassen. Polternd und laut gab Mike Bartel den Regisseur Klingfeld, der sich von Doris" Reizen benebeln lässt. Geradezu poetisch-verträumt stellte Christiane Hartmann den blinden Herrn Brenner dar, für den Doris ein einziger Glanz ist: "Nun lässt sie mich mit ihren Augen sehen, ich lausche ihrer süßen Stimme, die so lebendig mir von all ihren staunenden Bildern erzählt, wie ich sie selbst zu Zeiten meines Sehens nicht wahrnehmen konnte."
("Kölner Stadt-Anzeiger" 14.11.03)